Anja’s Island-Bericht

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Was war da im August in Island eigentlich los, als 23 Mopedmänner, zwei Mopedmädels und zwei Sozias des BMW GS Club International e. V. mit ihrem Lieblingsspielzeug (= Schnabeltier, Moped oder Gummikuh) dem Ruf des Haukur Haraldsson in seine Heimat gefolgt sind?

Eine Schilderung aus Sicht einer von zwei mitfahrenden Sozias:

Mein Schnabeltier-Ritter und Herrscher über das 125 PS-Schnabeltier (Dirty Harry) behauptet also tatsächlich, dass er mich samt einem Zelt, zwei Isomatten, zwei Schlafsäcken und dem ganzen anderen Schnickschnack 16 Tage lang als Beifahrerin im Nacken haben will.
Hat er sich eigentlich mal überlegt, wo da noch Platz für seine Zahnbürste sein soll, wenn meine High-Heels, mein kleines Schwarzes und den Schminkkoffer verstaut sind?
Und ahnt er überhaupt, wie viele Wörter er in dieser Zeit von hinten durch diese Quasseleinrichtung intravenös in seinen Helm geflüstert bekommt?
Eins voraus: er hat es überlebt und zumindest ich hatte viel Spaß und die Gelegenheit, mir die grandiose Landschaft Islands in aller Ruhe anzusehen…

Schon im Anflug über Keflavik waren sowohl der LKW als auch die aufgereihten Motorräder auf dem Parkplatz des Flughafens zu sehen. Die eine Woche zuvor auf den LKW verladenen und per Schiff nach Island gebrachten Gummikühe wurden von ihren Besitzern im Empfang genommen, die Ohren (ähhh Rückspiegel) ausgeklappt und Koffer, Gepäckkrollen und ggf. die Sozia aufgeladen.

Damit das Moped von Dirty Harry durch die ungleiche Beladung nicht 4000 km im Wheelie über Islands Schotterpisten fahren musste (laut Haralds penibler Hochrechnung belief sich das Gewicht auf der Hinterachse auf genau 274,37 kg), habe ich mein Kamel- Kuscheltier zum Gewichtsausgleich am Lenker des Gefährts angebracht. Dann schnell in die Motorradrüstung geschlüpft, zwischen den Gepäckbergen ein bisschen Platz für mein Popöchen gesucht und schon ist Haukur mit 24 Mopeds im Schlepptau ins Abenteuer Island gestartet.

Vorbei an fauchenden, nach Schwefel stinkenden Erdlöchern, an romantischen Leuchttürmen, an imposanten Wasserfällen, winzigen Dörfern, skurrilen Gesteinsformationen, schwarzen Stränden, riesigen Lavafeldern, coolen Küstenstraßen am arktischen Ozean, an Seen, Fjorden mit Walen und Robben, Geysiren, Schwefelfeldern und durch die Sand-, Stein- und Lavawüste durften wir Island bei schönstem Wetter kennenlernen. Wir sind zwischen den Kontinenten in der Kontinentalspalte herum geklettert, durch dieses weiche Moos, auf dem man so herrlich chillen konnte, geturnt, haben in blubbernden warmen Quellen gebadet, sind auf Vulkane gekraxelt, haben Islands Gletscher von innen und außen bestaunt und sind mit großen Nato-Autos auf 700 Meter dickem Gletschereis herumgefahren.

Dabei sind uns mindestens die Hälfte von Islands 723.549 Schafen begegnet und wir durften die gastfreundlichen Mitglieder des GS-Clubs in Island kennen lernen. Die haben sich viel Zeit für uns genommen, haben uns begleitet und uns ihr tolles Land gezeigt, haben ihre schönen Lieder für uns gesungen und haben uns in vielen einzigartigen Gesprächen ihre Welt, ihr Leben, Ihre Liebe zu Island erklärt. Danke dafür!

Danke für die vielen neuen Bekanntschaften, die wir knüpfen durften. Irgendwie habe ich den Eindruck bekommen, dass Haukur entweder alle Isländer kennt, mit ihnen verwandt ist, oder zumindest einen kennt, der einen kennt, der weiß wer…

Danke vor allem an Addi und seine Frau, die uns mit dem Quad einen ganzen Tag lang durch die Landschaft um den Vulkan Hekla geführt haben. Das ist für mich die schönste Gegend Islands und Harald musste leiden, weil ich ihm vor Begeisterung den ganzen Tag (also eigentlich jeden einzelnen der 16 Tage) die Ohren vollgequasselt habe, während er konzentriert das schwierige Gelände meistern musste. Weil er nicht an den tausend Stellen angehalten hat, die ich mir genauer ansehen wollte, habe ich vom Motorrad aus Fotos gemacht und ihm die tolle Landschaft genau beschrieben. Jetzt hat er einen Gehörsturz, kann aber dafür auf den Bildern sehen, was er hätte sehen können, wenn er nicht Pilot des Schnabeltiers gewesen wäre.

Wir haben Hotdogs, Burger mit Pommes mit diesen unglaublich leckeren Dips gefuttert, es gab Hummer- und Fischsuppe, fangfrische Jakobsmuscheln, Gammelhai, Fish & Chips und ein gigantisches Fischbuffet, Sahnetorten, selbstgeangelten Fisch, Tütennahrung auf dem Zeltplatz und diesen coolen Skyr-Cake, von dem ich bestimmt die Hälfte ganz alleine verschlungen habe.

Vermutlich war meine üppige Ernährung und die damit verbundene Gewichtszunahme der Grund dafür, dass der Hinterreifen von Dirty Harry‘s Gummikuh in rasender Geschwindigkeit sein Profil verloren hat und gegen einen neuen getauscht werden musste. Während ich unter demGejammer der Mopedmänner, die täglich verzweifelt auf der Jagd nach Bier waren, leiden musste, war meine nächtliche Jagd nach Polarlichtern sehr erfolgreich. So bin ich nun stolze Besitzerin einiger selbst mit der Kamera erlegter Polarlichter.

Neben der Aussicht auf Polarlichter konnte nachts beim Spaziergang durch unsere Zeltstadt auf dem Campingplatz dem Kanon männlicher Schlafgeräusche gelauscht werden. Und dann stellt sich mir noch die Frage, warum die Dirty Harrys dieser Welt in fünf Minuten einen ganzen Haushalt durcheinanderbringen, eine Küche in ein Schlachtfeld und ein Büro in ein unübersichtliches Chaos stürzen können, während sie ständig und unaufgefordert ihre heiligen fahrbaren Untersätze peinlich genau in Reih und Glied aufgestellt haben?

Sehr hilfreich waren jedenfalls die Körperreinigungshinweise in Islands Schwimmbädern. Ich wurde von den Isländern etwas seltsam betrachtet, als ich eine der Waschanleitungen in der Dusche einer isländischen Badeanstalt fotografiert habe.

Aber vielleicht hilft es ja, dass Dirty Harry künftig alle bei der Körperreinigung wichtigen Stellen kennt und nicht mehr ganz so „dirty“ ist. Die Waschanleitung wird jedenfalls vergrößert im Badezimmer aufgehängt. Zum Training der Körperreinigungsrituale, mussten die Mopedbrüder während der gesamten Reise immer wieder Wasserlöcher und Badeanstalten aufsuchen.

Gespannt habe ich den Vorträgen der männlichen Motorradritter zum Thema wie Frau am besten Wasserdurchfahrten mit dem Moped meistern könnte, gelauscht und bin mit meiner Watthose gemütlich durch die nassen Furten gehüpft. Ich bin ein bisschen schadenfreudig, dass mancher dabei doch nasse Füße bekommen hat, während die Mädels das Hindernis problemlos gemeistert haben. (Biggi und Petra ihr habt das cool gemacht!)

Nicht verschwiegen werden dürfen bei dieser Gelegenheit Haralds “Gesänge” zur Melodie “an der Nordseeküste”, die er kurzerhand ein bisschen auf Island umgedichtet und mir in den Helm gekrächzt hat: «an der Islandküste – im Wasser ganz flach, schwimmen Mopeds und Biker zwischen Fischen im Bach…

Und dann waren da im Gegensatz zu diesen Darbietungen von Harald die beiden besonderen Momente, die mir noch heute einen Schauer über den Rücken jagen, als Haukur mit seiner grandiosen Stimme an zwei mystischen Orten mit genialer Akustik (Fels- und Gletscher-höhle) für uns gesungen hat.

Ach ja und dann sind da noch Islands Tankstellen: in Mitteleuropas Durchschnittstankstellen gibt es Haribo-Erdbeeren, Zigaretten, die Süddeutsche, Lottoscheine, Blumen, Eis, Kuscheltiere ein bisschen Sprit für Autos und co und viel Sprit für Männer in Form von Bier, Wein und ähnlichen Gesöff, während es in Island nur eins gibt: Schnabeltier-Sprit und viel Einsamkeit.

Das war mein Einblick in 16 Tage-Island-Motorradurlaub. Er erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Objektivität.
Danke an meinen Schnabeltier-Ritter Harald, danke an das Schnabeltier, das auf der Tour nur vier Schrauben verloren und uns (dank vieler Kabelbinder) trotzdem heil ans Ziel gebracht hat. Danke an Peter, der mir auf den letzten Drücker noch ein Island-Shirt bestellt hat und danke an Haukur, ohne den diese Reise nie stattgefunden hätte.

Ich bin verliebt dein Island, lieber Haukur!

Und jetzt noch meine beiden persönlichen Video Highlights mit Mario, Wolfgang und Otfried in den Hauptrollen: